Ob man sie nun „Lotnaht“ oder „Lötnaht“ nennt – die einen bezeichnen sie so, die anderen so –, Fakt ist: besagte Naht ist sozusagen die „Frucht“ eines speziellen handwerklichen Herstellungsprozesses und keineswegs, wie des Öfteren fälschlicherweise angenommen, ein Schönheitsfehler oder gar Mangel. Wir erklären, was dahintersteckt, wenn ihr auf dem Schallstück eines Blechblasinstrumentes eine mehr oder weniger stark sichtbare Linie mit mehr oder weniger stark ausgeprägten (oft „zackenartigen“) Ausbuchtungen entdeckt.
Was ist eine Lötnaht?
Ganz allgemein bezeichnet man als Lötnaht die Stelle, an der zwei Metallteile durch Löten miteinander verbunden wurden. Im Zusammenhang mit Blechblasinstrumenten taucht eine solche Lötnaht typischerweise am Schallstück auf.
„Die Lotnaht ist eine wichtige Verbindung, die sich nicht zu verstecken braucht.“
[Frank Gallitschke, Metallblasinstrumentenmacher-Meister bei Kirstein]
Entstehung der Lötnaht bei der klassischen Manufaktur eines Schallstücks
Anreißen und Ausschneiden des Schallstücks
Bei der Fertigung eines Schallstücks für ein Blechblasinstrument überträgt man zunächst die flache Kontur (= abgewickelte Form) des späteren Schallstücks mit einer Zuschnitt-Schablone auf das zu verarbeitende Metall – also zum Beispiel auf ein Messingblech – (man nennt dies „anreißen“). Anschließend schneidet man die Form mit einer Blechschere oder -säge aus.

Bilden von Verzahnungselementen
Im nächsten Schritt werden in einen der beiden Seitenränder (Längsseite) des Blechs mit einer Stanzmaschine oder einer Spezialzange Verzahnungselemente gearbeitet. Genauer: Es werden in regelmäßigen Abständen (durch Einschnitte ins Blech) kleine Zinken (auch: „Zähnchen“) gebildet, die etwas nach unten weggebogen werden.

„Hier handelt es sich um die gebräuchlichste Form. Es gibt aber auch stumpfe Lotnähte ohne Zacken oder historische Lotnähte mit sehr viel mehr kleinen Zähnchen.“
[Frank Gallitschke, Metallblasinstrumentenmacher-Meister bei Kirstein]
Vorbereiten der Verzahnung
Anschließend biegt man das Blech zunächst in der Mitte in Längsrichtung zusammen.

Es folgen weitere Bearbeitungsschritte, bei denen das in der Mitte gefaltete Blech unter Zuhilfenahme einer Stange weiter „in Form gedrückt“ wird.

Um die dreidimensionale Trichterform des Schallstücks zu bilden, legt man nun die beiden Längskanten des Blechs erst aneinander …

… und beschlägt sie dann so mit einem Holzschlägel/-hammer, dass die Kanten schließlich plan aufeinanderliegen und dabei leicht überlappen.


Verzahnung der Kanten
In den nächsten Arbeitsschritten verbindet man die beiden Kanten (gezahnte Kante und glatte Kante) fest miteinander. Zunächst richtet man hierfür die Zinken der gezahnten Kante auf. Die breiteren Laschen der gezahnten Kante werden unter die gegenüberliegende glatte Kante geschoben, während man die schmalen, hochstehenden Zinken mit einem Hammer so beschlägt, dass sie auf der gegenüberliegenden glatten Kante oben aufliegen. Die so entstandene Verzahnung der beiden Längsseiten sorgt für einen stabilen Halt der Verbindung während des Lötprozesses.


Verlöten der Kanten
Jetzt kommen wir zur eigentlichen Lötnaht: Auf die Verzahnung trägt man nun mit einem Spatel Lot auf und die beiden Seiten werden fest miteinander verlötet. Als „Lot“ bezeichnet man die Metalllegierung, die man beim Löten zum Verbinden von Metallteilen verwendet.
„Das Lot setzt sich beim Verlöten exakt zwischen den Verzahnungen ab, also nicht nur obenauf. Die eigentliche Lotnaht entsteht hier also in den Materialzwischenräumen. Dies ist entscheidend für eine optimale Stabilität und Dichtheit des Schallstücks.“
[Frank Gallitschke, Metallblasinstrumentenmacher-Meister bei Kirstein]

Bearbeiten der Lötnaht
Im Verlauf der folgenden Arbeitsschritte wird die Lötnaht noch mehrfach bearbeitet. Zunächst wird sie verhämmert oder mit einer Rolle plattgedrückt, sodass die Lötnaht wieder an die umgebende Wandstärke angeglichen wird. Danach erfolgt das Richten (auch: „Rundmachen“) des Schallstücks, um es in die gewünschte Form zu bringen. Schließlich glättet man die Naht nochmals mit einer Feile.

Bearbeitete, geglättete Lötnaht an einem Mundrohr. Die Verzahnung ist deutlich zu erkennen.

„Eine Lötnaht findet sich typischerweise in Form einer Linie längs entlang eines Schallstücks oder auch als Ring an der Stelle, an der der Schallbecher am Schallstück angebracht wird.“
[Frank Gallitschke, Metallblasinstrumentenmacher-Meister bei Kirstein]
Lötnaht auf Höhe des Schallbechers
Bei vielen Instrumenten wird der Schallbecher separat gefertigt und dann an das Schallstück angefügt. Die Verbindung erfolgt hier auf dieselbe Weise wie oben erklärt (Verzahnung der beiden Bauteile, Finalisierung über eine Lötnaht).


Deutlich sichtbare Lötnaht als Verbindung zwischen Schallstück und Schallbecher bei einem Cerveny CEP 931-4T Bb-Bariton (Neusilber lackiert)
Warum gibt es Instrumente mit Lötnaht und ohne Lötnaht?
Dass Blechblasinstrumente mindestens eine Lötnaht haben, ist grundsätzlich erst einmal die Regel. Kaum ein Hersteller arbeitet in der Fertigung ohne dieses Verfahren. Der eigentliche Unterschied zwischen diesem und jenem Blechblasinstrument besteht also nicht in der Frage, ob eine Lötnaht vorhanden ist, sondern ob diese – vor allem auf der Außenseite des Instruments – sichtbar ist oder nicht.
„Die Lotnaht kann mehr oder weniger stark auffallen – das kommt auf das Lot bzw. das Material an, mit dem gearbeitet wird.“
[Frank Gallitschke, Metallblasinstrumentenmacher-Meister bei Kirstein]
Welche Lote werden zum Löten von Blechblasinstrumenten verwendet?
Beim Löten von Metallen spricht man vom sogenannten „Hartlöten“. Anders als beim Weichlöten (u. a. Anwendungen in der Elektronik) werden beim Hartlöten sehr hohe Temperaturen eingesetzt. Das Hartlöten sorgt für besonders stabile Verbindungen.
Als Lote im Blechblasinstrumentenbau verwendet man vor allem Silber-, Neusilber- und Messinglote. Die Schmelztemperaturen für diese Hartlote liegen bei über 450° C. Hartlote gibt es in unterschiedlichen Formen – so zum Beispiel als Draht, als Paste oder in Pulverform.

Welches Lot für welches Material? Wann ist die Lötnaht auf der Außenseite des Instruments sichtbar?
Die allermeisten Blechblasinstrumente werden aus Messing gefertigt. Beim Löten verwendet man hier optimalerweise folglich auch Messinglote. Nach der entsprechenden Bearbeitung einer Lötnaht „Messing auf Messing“ ist diese außen am Instrument entweder gar nicht mehr oder so gut wie nicht mehr sichtbar. Hat man nun hingegen ein aus Neusilber gefertigtes Instrument (vgl. Foto oben: Cerveny CEP 931-4T Bb-Bariton) und verwendet beim Löten ein Messinglot, wird die Lötnaht „Messing auf Neusilber“ auch nach entsprechender Bearbeitung sichtbar bleiben. Ebenso verhält es sich beispielsweise bei Messing (Lot) auf Goldmessing (Korpusmaterial) oder Messing (Lot) auf Phosphorbronze (Korpusmaterial). Tipp: Eine Übersicht zu den wichtigsten Materialien bei der Herstellung von Schallstücken findet ihr in unserem Ratgeber „Pflege & Reinigung von Blechblasinstrumenten“.

Fazit
- Eine Lötnaht am Schallstück ist etwas ganz Normales und kein Makel.
- Eine Lötnaht kann, abhängig von den verwendeten Materialien, deutlich bis überhaupt nicht sichtbar sein.
- Manche Hersteller entscheiden sich bewusst für eine sichtbare Lötnaht an ihren Instrumenten.
Quellen/Nachweise Bildmaterial:
Fotos: Jutta Kühl, Musikhaus Kirstein
Die Grafiken für diesen Beitrag wurden auf Basis folgenden Videos erstellt:
youtube.com/watch?v=t4mSNSd014g