Die deutsch-argentinische Sängerin und Songschreiberin Amanda Muñoz Hüttl alias „Encantada“ hat den BR Pop Radar Wettbewerb 2026 von Bayern 2 gewonnen. Encantada gebührt damit das Privileg, das diesjährige Heimatsound-Festival in Oberammergau am 31. Juli 2026 zu eröffnen. Zudem erhält sie einen Einkaufsgutschein im Wert von 2.000 Euro fürs Musikhaus Kirstein. Wir gratulieren ganz herzlich und stellen euch die Künstlerin etwas näher vor.
„Encantada!“ ist eine Begrüßungsformel und heißt übersetzt „Sehr erfreut!“ – ist das richtig?
Amanda: „Ja, genau! Wenn man jemanden kennenlernt, sagt man als Frau auf Spanisch ‚Encantada‘. Allerdings steckt für mich noch mehr in diesem Wort. Es kommt nämlich vom Verb ‚encantar‘, dessen ursprüngliche Bedeutung ‚einen Zauber sprechen‘ oder ‚jemanden verzaubern‘ war. Wenn man es ganz wörtlich nimmt, sagt man also eigentlich: ‚Ich bin verzaubert.‘“
Apropos verzaubern: mit deinem spanischsprachigen Lied „El ritmo se muere“ hast du die Menschen ganz offensichtlich auch be- und verzaubert. Es ist im Online-Voting des diesjährigen BR Pop Radar Wettbewerbs zum Gewinnertitel gekürt worden. Worum geht es in „El ritmo se muere“?
Amanda: „‚El ritmo no se muere‘ ist eine zeitgenössische Cumbia, die ich als ‚tanzbare Widerstandskraft‘ beschreiben würde. Den Song habe ich bereits vor einigen Jahren geschrieben und komponiert. In Zusammenarbeit mit dem chilenischen Musiker Cote Campusano – er ist Schlagzeuger, Perkussionist, Musikproduzent und in der lateinamerikanischen Musikszene aktiv – hat der Song schließlich seine heutige Form gefunden.“
Wissen kompakt: Cumbia
Die Cumbia ist ein lateinamerikanischer Musik- und Tanzstil, der ursprünglich aus Kolumbien stammt. Typisch sind treibende, zugleich aber auch locker groovende Rhythmen und eingängige Melodien, die sofort zum Tanzen einladen.
Amanda: „Für mich ist der Song eine Hommage an den Rhythmus als Quelle von Trost, Freude und Standhaftigkeit – besonders in schwierigen Zeiten. Er erinnert an den inneren Rhythmus, den wir alle in uns tragen und zu dem wir immer wieder zurückfinden können.
Gleichzeitig greift der Text die Widersprüche unserer Gegenwart auf. Es tauchen Bilder von Feuer, Hölle und einer brennenden Welt auf, die für Krisen, Schmerz und Ungerechtigkeit stehen. Leider habe ich viel zu oft das Gefühl, dass unsere heutige Welt der Hölle, wie sie oft beschrieben wird, schon ziemlich nahe kommt …“
„Unsere heutige Welt ist geprägt von Krisen, Schmerz und Ungerechtigkeit. Aber Rhythmus ist eine Quelle von Trost, Freude und Standhaftigkeit.“
Amanda: „Trotzdem geht es nicht um Hoffnungslosigkeit. Im Gegenteil: Der Rhythmus stirbt nicht – und Tanzen wird zu einer Form des Widerstands. Musik und Bewegung verbinden uns und geben uns die Kraft, weiterzumachen.
Besonders wichtig ist mir auch die kollektive Ebene des Songs – die Idee, für Wahrheit, Gerechtigkeit und zukünftige Generationen einzustehen. Deshalb ist ‚El ritmo no se muere‘ für mich kein trauriger Song, sondern eine Feier von Resilienz, Gemeinschaft und Hoffnung, selbst wenn die Welt um uns herum brennt …“
„Gemeinsam einstehen für Wahrheit, Gerechtigkeit und zukünftige Generationen.“

Du eröffnest dieses Jahr das Heimatsound-Festival in Oberammergau. Was ist Heimatsound für dich?
Amanda: „Heimatsound bedeutet für mich vieles, vor allem aber Vielfalt. Für mich ist Heimat kein fester Klang und auch kein bestimmter Ort. Heimatsound erinnert mich daran, dass Bayern und Deutschland viel mehr sind als die Musikrichtungen, die man vielleicht zuerst damit verbindet. Auch Klänge wie meine – geprägt von lateinamerikanischen Rhythmen, Migration, verschiedenen Sprachen und kulturellen Begegnungen – sind Teil dieses musikalischen Panoramas.
Wir tragen Musik mit uns, wenn wir reisen, umziehen, migrieren oder auch wenn wir bleiben. Manche Rhythmen begleiten uns ein Leben lang und verbinden uns mit Menschen und Orten. Genau diese Vielfalt und Verbundenheit ist für mich Heimatsound.“

Du bist in Buenos Aires geboren, in München aufgewachsen und lebst heute auch in München. Gleichzeitig bist du noch regelmäßig in Buenos Aires, richtig?
Amanda: „Ja, genau. Ich versuche, so oft ich kann und es mein Geldbeutel erlaubt, den Atlantik zu überqueren – oder wie wir auf Spanisch sagen: ‚cruzar el charco‘ (‚die Pfütze überqueren‘). Aber es ist schwierig in letzter Zeit und deswegen war ich jetzt schon fast wieder zwei Jahre nicht in Buenos Aires … leider. Ich habe aber die große Hoffnung, dass es im Dezember wieder klappt!“
Welche drei Dinge aus beiden ‚Welten‘ würdest du in ein Paket packen, um es einem echten Herzensmenschen zu schenken?
Amanda: „Uff – schwierige Frage! Als Erstes würde ich auf jeden Fall meinen Mate einpacken. Er begleitet mich wirklich überall hin und steht für mich für Gemeinschaft, Gespräche und ein Stück Zuhause.“
Wissen kompakt: Mate
Mate gilt als eines der Nationalgetränke Argentiniens. Das koffeinhaltige Aufgussgetränk wird aus den getrockneten Blättern des Mate-Strauchs hergestellt und traditionell aus einer sogenannten Kalebasse getrunken. Dieses Gefäß wird umgangssprachlich ebenfalls oft einfach „Mate“ genannt. In Argentinien ist das gemeinsame Mate-Trinken weit mehr als nur Genuss: Es ist ein soziales Ritual und ein Zeichen von Gastfreundschaft.
Amanda: „Als Zweites würde ich mein pañuelo verde einpacken. Pañuelo verde bedeutet übersetzt ‚grünes Tuch‘. Es handelt sich dabei um ein grünes Halstuch, das zum internationalen Erkennungszeichen geworden ist. Es ist das Symbol des Kampfes für ein legales, sicheres und kostenloses Recht auf Schwangerschaftsabbruch in Argentinien. Gleichzeitig hat mich dieses Tuch auch auf vielen Demonstrationen in Deutschland begleitet und erinnert mich daran, wie wichtig mir Solidarität, soziale Gerechtigkeit und feministische Kämpfe sind.
Und als Drittes würde ich ein kleines Holzbrett in Herzform mitgeben, das früher auf der Toilette meiner Oma hing. Darauf steht das (angebliche) Luther-Zitat: ‚Aus einem verzagten Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz.‘ 😂 Jedes Mal, wenn ich es lese, muss ich schmunzeln. Es erinnert mich nicht nur an meine Oma, sondern auch daran, das Leben mit Humor zu nehmen und selbst in schwierigen Momenten die Leichtigkeit nicht zu verlieren.“
„Meine Mutter erzählt immer, dass ich als Kind angefangen habe zu summen, wenn mir das Essen besonders gut geschmeckt hat. Wenn ihr mich also irgendwann summen hört, wisst ihr: wahrscheinlich bin ich gerade glücklich.“
Das waren die Gewinner der vergangenen Jahre
Heimatsound-Wettbewerb 2021: Widersacher aller Liedermacher
Heimatsound-Wettbewerb 2024: Falschgeld
BR Pop Radar Wettbewerb 2025: Schrödingers Taube